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news:intern/20.3.2009/KaM Nach der Einstellung der Mitarbeiterzeitschrift Clartext des Chemieunternehmens Clariant (Sulzbach) vor wenigen Wochen stellt nun auch der Spezialglashersteller Schott (Mainz) seine internationale Mitarbeiterzeitung Schott WORLD “bis auf weiteres³ ein. Ein Zeitpunkt, ab wann das Traditionsblatt weitergeführt werde, sei nicht abzusehen, sagte Chefredakteur Jürgen Breier gegenüber news:intern.
Zur Information der weltweit mehr als 17.000 Mitarbeiter in 41 Ländern will die Redaktion künftig verstärkt das Intranet einsetzen. Mitarbeiter ohne eigenen PC würden per Aushang über wichtige Ereignisse im Konzern zeitnah informiert. Breier begründete die Maßnahme als einen Beitrag zur allgemeinen Kostenreduzierung.
Schott erzielte im nach eigenen Angaben "sehr erfolgreichen" Geschäftsjahr 2007/2008 (bis 30. September) einen Konzernumsatz von 2,23 Milliarden Euro. Er soll sich auch im laufenden Geschäftsjahr auf dem Niveau des Vorjahres bewegen, wo der Gewinn (EBIT) bei 289 Millionen Euro lag.
Bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte Schott sein Kundenmagazin "Schott information" eingestellt, es später aber wieder unter dem Titel "solutions" aufleben lassen. Lesen Sie dazu auch den Kommentar von von news:intern-Chefredakteur Hermann-Josef Berg "MAZ-Stopp": Einzelfälle oder Trend?
Es ist der zweite Fall innerhalb kürzester Zeit: der Stopp der Mitarbeiterzeitung "Schott World". Nur drei Wochen zuvor hatte Clariant sein deutsches und hochdekoriertes Mitarbeitermagazin "Clartext" eingestellt. Einzelfälle oder Indizien für einen Trend?

"MAZ-Stopp": Einzelfälle oder Trend? von Hermann-Josef Berg Schon immer in der 120-jährigen Geschichte der Mitarbeiterinformation in Deutschland sind Mitarbeiterzeitungen oder -zeitschriften beerdigt worden - für immer oder auf Zeit. Und schon immer wurden dafür meistens Kostengründe geltend gemacht. Auch jetzt bei "Schott World" und zuvor bei "Clartext" wird dies als Ursache angeführt. Nachvollziehbare Entscheidungen?
Ja, wenn die Entscheider nur die Kosten im Auge haben. Aber diese Betrachtungsweise ist eingeschränkt und kurzsichtig. Wieso? Knallharte Wirtschaftslogik eben: Kosten runter, Gewinn höher. Eben nicht! Der weitaus gewichtigere Faktor ist die motivierte Belegschaft. Und Motivation erweist sich nicht als Selbstläufer. Denn schon in den Jahrhunderten zuvor wusste man: Wer motivieren will, muss informieren. Wer schließlich einer Information den Stempel der Nachhaltigkeit aufdrücken möchte, kommt ohne das gedruckte Wort nicht aus. Vorausgesetzt, Gutenbergs heute digitalisierte Lettern erwecken wirklich den Anschein vertrauensvoller, sprich: kritischer, nicht euphemistischer Information.
"Was Du schwarz auf weiß hast, kannst Du getrost nach Hause tragen." Auch wenn dieses Sprichwort bei manchem Vertragsgebaren heute ebenfalls eher fraglich ist, die gedruckte Mitarbeiterinformation hat trotz der unbestrittenen Erfolge der E-Kommunikation nach wie vor in puncto Nachhaltigkeit einen höheren Stellenwert. Testen Sie es: Schauen Sie sich wenige Minuten Intranet-Meldungen an. Blättern Sie anschließend die gleiche Zeit ein Mitarbeitermedium durch. Nach einer Stunde stellen Sie sich selbst die Frage, welche Informationen sind mir noch im Gedächtnis geblieben. Woran Sie sich zunächst erinnern werden, sind gezeigte/gedruckte Bilder, die ein Thema einprägsam visualisiert haben. Über die bildliche und die haptische Wahrnehmung (ein Heft in der Hand zu halten) entsteht die Erinnerung an die damit verbundenen Textbotschaften.
Kurioserweise spielt diese Visualisierung in den E-Medien noch nicht die eigentlich notwendige Rolle. Insbesondere Intranets sind nach wie vor zu textlastig. Wer wirklich auch im elektronischen Bereich die Kraft der Bilder nutzen will, muss nicht zuletzt den konsequenten Schritt zum Bewegtbild machen. Wer beispielsweise die Atmosphäre einer technolgischen Spitzenleistung oder auch einer Betriebsversammlung filmisch in einem "Pod- oder Vodcast" einfängt, erzielt die gewünschte Aufmerksamkeit. Nur: Dafür sind nicht unerhebliche Investitionen notwendig - heute weniger für das Herstellen, als vielmehr in die adäquate Computer-Infrastruktur.
Lufthansa Cargo hat zu den letzten Olympischen Spielen in Peking ein E-Mitarbeitermagazin produziert und dafür viel Lob geerntet. Aber am Ende stand die Frage: Warum gibt es dies nicht in gedruckter Form? Der Mensch ist und bleibt wohl ein haptisches Wesen, das angefasst werden und anfassen will. Und der Umgang mit dem gedruckten Werk ist seit Jahrhunderten geübt und gelernt.
Wenn Kostenreduzierung als Maxime ausgegeben wird, dann sollten die Unternehmen zunächst einmal kritisch durchleuchten, ob sie nicht zu viel Geld für Dienstleistungen im Umfeld ihres Mitarbeitermediums ausgeben. Kein Zweifel, ein gutes journalistisches Produkt bedarf eines gewissen finanziellen Aufwandes. Aber was heute teilweise noch immer für externen Redaktions-, Foto-, Grafik- und Druckservice bezahlt wird, lässt einem bisweilen nur den Kopf schütteln.
Jedoch nicht nur mehr Augenmaß bei den Kosten erscheint in einigen Redaktionen notwendig, auch die journalistische Qualität der Medien gehört auf den Prüfstand. Allein die seit Jahren zu beobachtende Tatsache, dass in den Mitarbeiterzeitschriften/-zeitungen immer weniger Reportagen und Features zu finden sind, lässt Zweifel an der journalistischen Kompetenz aufkommen. Noch viel schlimmer sind allerdings die eigentlich unlesbaren Jubelartikel und die stete Omnipräsenz mancher Unternehmensverantwortlichen auf den Druckseiten. Bevor sich jemand Gedanken über einen MAZ-Stopp macht, sollte er sich sinnvollerweise fragen, ob die Informationen, die er sendet, auch beim Empfänger wirklich ankommen. Hofberichterstattung ist in der Tat der Auftakt zum Untergang eines Mitarbeitermediums, so dass es wirklich nicht mehr gebraucht wird.
Karl Kardinal Lehmann, Bischof zu Mainz und von der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) 2008 zum "Kommunikator des Jahres gewählt", schreibt in einem Beitrag für das "Jahrbuch Interne Kommunikation 2009": "Mitarbeiterkommunikation ermöglicht eine stärkere Information, Motivation, Aktivierung, Identifikation mit Unternehmenszielen, Loyalität, Solidarität untereinander ..." Bleibt nur zu hoffen, dass viele Unternehmen diesem Glauben von Mitarbeiterinformation treu bleiben und der MAZ nicht den Rücken kehren - so wie Schott und Clariant. In diesem Zusammenhang sei an das Fallbeispiel "Bosch-Zünder" erinnert. Mehrere Jahre verschwand das uralte Medium von der Bildfläche, ehe es eine triumphale Rückkehr feierte.
Interne Kommunikation - dies gehört heute zu ihrem Selbstverständnis - beseitigt nicht zuletzt eine (durch die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise geschürte) Angstkultur im Unternehmen, um den Weg für ein offenes, produktives und sozial verantwortliches Miteinander zu ebnen.
Wer heute als Unternehmensverantwortlicher beschließt, eine gedruckte Mitarbeiterzeitung/-zeitschrift aus Kostengründen einzustellen, der müsste sich im nächsten Atemzug eigentlich bereit erklären, der Direktkommunikation - dem persönlichen Gespräch - deutlich mehr Gewicht zu geben. Aber der (kritische) Dialog mit (kritischen) Mitarbeitern ist so manchem selbstherrlichen Firmenchef noch immer eher peinlich. news:intern/20.3.2009 |